„Staatliche Planwirtschaft bevorzugt Gesundheitskonzerne“

Dr. med. Detlev Werner sieht im Versorgungsstärkungsgesetz einen starken Eingriff in das Recht auf freie Arztwahl/Landes-Vize der Kassenärztlichen Vereinigung Dr. Ilka Enger (Neutraubling): Facharztpraxis drohen auszusterben/Veranstaltung der FDP Rottal-Inn

Bild 0202

Warnen vor Schritt in die Staatsmedizin (v.l.): Niederbayerns JuLi-Vize Florian Romanowsky (Passau), Ndb. FDP-Schatzmeister Claus Rothlehner, der Rottaler FDP-Kreisvorsitzende Siegfried H. Seidl (beide Eggenfelden), Referent Dr. med. Detlev Werner (Pocking), Dr. Ilka Enger (Neutraubling) und der stv. FDP-Kreisvorsitzende Dominik Heuwieser (Unterdietfurt).

EGGENFELDEN – Als weiteren Schritt vom mündigen Bürger zum Sozial-Untertan und massiven Eingriff in die freie Arztwahl sieht der Mediziner Dr. Detlev Werner das geplante Versorgungsstärkungsgesetz der Großen Koalition. „Die staatliche Planwirtschaft bevorzugt Gesundheitskonzerne gegenüber dem freiberuflichen Arzt vor Ort“, sagte Werner auf einer Veranstaltung der FDP Rottal-Inn am Samstag in der Gaststätte Bacchusstubn in Eggenfelden.

Der Gynäkologe, der seit 15 Jahren in Pocking eine Praxis betreibt und Belegarzt am Krankenhaus Rotthalmünster ist, hat sich das Groß- und Kleingedruckte des Gesetzesentwurfs näher angesehen. „Es ist eindeutig die Handschrift der SPD zu erkennen“, meint Werner, obwohl die CDU den Gesundheitsminister stellt. Unter der Überschrift „Gute medizinische Versorgung darf keine Frage des Wohnorts sein“, werde an den eigentlichen Problemen vorbei, Schönfärberei betrieben.

Nicht nachvollziehbar sei der Aktionismus beim Thema Facharzt-Termin. 80 Prozent der Patienten erhalten innerhalb von zwei Tagen einen Hausarzt-Termin, 60 Prozent der Patienten innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Facharzt. „So schnell geht es in keinem anderen Land“, beschreibt Werner das Ergebnis von internationalen Studien. Laut dem Gesetzesentwurf soll für die schnellere Facharzt-Terminvergabe eine Behörde als „Termin-Service-Stelle“ mit einem Budget von 20 Millionen Euro pro Jahr aufgebaut werden. Damit werde über die Hintertür die freie Arztwahl abgeschafft. Dies sei ein großer Schritt in Richtung Staatsmedizin.

Als Konsequenz für die Patienten befürchtet Werner eine Umstellung vom vertrauten Hausarzt zu Wechselärzten. In Krankenhäusern würden nicht ausreichend ausgebildete Assistenzärzte tätig, die Zwangsstillegung von Praxen in den Städten führe nicht automatisch zur Verlegung auf das flache Land. Junge Ärzte würden weiter vom Wechsel auf das Land abgeschreckt. Der Gesetzesentwurf sehe vor, in überversorgten Gebiete Praxen zu schließen. Die Berechnung geschehe nach realitätsfremden Kriterien, kritisiert Werner.

Dr. Ilka Enger aus Neutraubling, Fachärztin für Innere Medizin und stellvertretende Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KZB), befürchtet, dass bundesweit 25.000 und bayernweit 4.600 Praxen wegfallen werden. „Facharztpraxen werden aussterben, es wird immer mehr staatliche Kontrolle ausgeübt und Medizin nach Kassenlage gemacht“, sagte die Internistin.

Das bürokratische Monster, das von Bundesgesundheitsminister Gröhe angedacht wird, eigne sich nicht, die Wartezeiten zu verkürzen. Es sei eher eine kostenintensive Scheinlösung für ein Problem, das es eigentlich gar nicht gibt, so Dr. Karl Ebertseder vom Bundesverband niedergelassener Fachärzte (BVNF) aus Augsburg. „Für uns stellt dieses Vorhaben einen Eingriff in die Autonomie der ärztlichen Praxen dar, der unnötig ist und den meisten Patienten mehr Nachteile als Vorteile bringen wird.“ Der BVNF sei der Ansicht, dass hier populistisch ein Problem künstlich aufgebauscht wurde, um Gelder aus dem ambulanten Bereich zu den darbenden Krankenhäusern umzuleiten. Damit werde die ambulante fachärztliche Versorgung erneut gefährdet.


Neueste Nachrichten