FDP Kelheim thematisiert ambulante Pflege in einem Hearing

Hearing Pflege 1

LANDKREIS KELHEIM – Im Gasthof Raubritter in Langquaid trafen sich auf Einladung der FDP interessierte Bürger mit Expertinnen zu einem Hearing über die „Herausforderung Pflege“.

Hearing Pflege 2

„Es ist die Aufgabe der Politiker nicht nur selbst über gesellschaftliche Themen zu diskutieren, sondern auch diejenigen bei der Lösungsfindung eng einzubeziehen, die tagtäglich mit den Problemkreisen zu tun haben.“, forderte FDP Kreisvorsitzende Maria Raum im neuen Veranstaltungsformat.

„Pflege ist ein drängendes Thema mit dem über kurz oder lang jeder konfrontiert werde“, sagte Raum und freute sich über die Gäste von der Caritas Sozialstation Abensberg, Barbara Ritter und Monika Ilmstetter-Haumer, vom privaten Pflegedienst Wedel, Veronika Wedel-Oberndorfer und Birgit Hausinger, und Reinhilde Klingshirn, die 30 Jahre ihre zwei schwerstbehinderten Söhne pflegte.

Werden Pflegebedürftige in 10 bis 20 Jahren alle in einer großen Halle liegen und dort von einer rollstuhlfahrenden Schwester abgefertigt?

Dieses pessimistische Szenario zeichnete Birgit Hausinger und die Diskussion machte deutlich, dass die Baustellen im Bereich der Pflege vielfältig sind.

Barbara Ritter stellte fest, dass dem Pflegeberuf die allgemeine Wertschätzung fehle. „Unter dem Beruf des Altenpflegers wird heute immer noch verstanden, dass es um ‚Hintern auswischen‘ und ‚Windeln wechseln‘ geht. Das Verständnis, dass mit der Pflege ein intensiver Umgang mit den Menschen verbunden ist, fehlt oft – sogar bei den Angehörigen.“ Etwa wenn man nicht auf die Minute pünktlich beim nächsten Patienten ankomme, weil es dem vorherigen Patienten an diesem Tag schlechter gegangen sei.

Dies führe dazu, dass es schwierig sei ausreichend Nachwuchskräfte zu finden. Erschwerend komme der Wegfall der Wehrpflicht hinzu. Denn oftmals hätten Zivildienstleistende gerade in dieser Zeit ihre Begeisterung für den Beruf entdeckt. Und es sei eben diese Begeisterung und das Herzblut, die der Pflegeberuf erfordere. Hierin waren sich alle Expertinnen einig. Klar wurde in der Runde aber auch, dass wegen des steigenden Bedarfs der Lohn für gute Pflegekräfte steigen wird und sich damit gute Berufschancen bieten.

Veronika Wedel-Oberndorfer forderte ein allgemeines Pflichtjahr für junge Leute: „Gerade im Altenpflegebereich würde so zwischen den jungen Leuten und den Älteren Kontakt hergestellt und gegenseitiges Verständnis gewonnen. Die Jungen könnten viele praktische Dinge lernen und viele Erfahrungen für das Leben sammeln.“ Sicherlich werde man auch mit ausländischen Kräften arbeiten müssen, wobei jedoch fehlende Sprachkenntnisse ein massives Problem seien.

Kreisrat Dr. Heinz Kroiss, der den Abend moderierte, nahm zum Problem der Qualitätsmessung Stellung, bei der derzeit fast alle ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen Bestnoten bekämen und die derzeit überarbeitet würde. Er stellte fest: „Es geht nicht um veränderte Messgrößen, sondern darum, dass echte Qualität in menschlicher Zuwendung einfach nicht messbar ist.“

Hinsichtlich der finanziellen Situation im Pflegebereich waren sich alle Beteiligten einig, dass die großen Summen, die für die Verwaltung verwendet werden, besser für die Pflege selbst aufgewendet werden sollten. Problematisch wurden auch die engen Zeitfenster für einzelne Pflegetätigkeiten gesehen, und dass z.B. für eine Blutzuckermessung mit Verlassen des Autos, Betreten der Wohnung, Kontakt mit dem Patienten… nur ca. zwei Euro vergütet würden.

Für die Pfleger seien aber hohe Arbeitsbelastung und immer mehr werdende Bürokratie Kräfte zehrend, so Hausinger. „Die Dokumentationspflichten für den medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) bedeutet für uns einen wahnsinnigen organisatorischen Aufwand. Die verlorene Zeit für Dokumentation und Schriftverkehr mit den Kassen fehlt für die eigentliche Pflege.“ Derzeit sei es so, dass man eine Person brauche, die ausschließlich die Bürokratie übernehme.  „Der Patient bleibt dabei auf der Strecke.“

Dr. Kroiss brachte es auf den Punkt: „Auch durch perfekte Dokumentation wird man keine gute Qualität sichern können. Die tollste Dokumentation stellt nicht sicher, dass auch die Pflege in bester Form erbracht worden ist. Wir müssen uns in der Pflege wieder dem Patienten widmen und nicht den Papieren.“

Claudia Raum, stellvertretende FDP Kreisvorsitzende, machte sich für die Patienten stark und schlug vor die Kassen und den MDK mehr außen vorzulassen: „Es wäre doch einfacher und transparenter, wenn die Patienten ihren Pflegedienst direkt bezahlen und später mit der Kasse selbst abrechnen.“

Auch die Einteilung der Pflegestufen wurde thematisiert. Nach Barbara Ritters Einschätzung ist diese relativ willkürlich und oftmals abhängig vom Gutachter. Aus der Zuhörerschaft kam die Frage auf, weshalb daheim pflegende Angehörige in der gleichen Pflegestufe weniger Geld bekommen als der Pflegedienst. Auch hier fehle es an Wertschätzung. Angehörige würden oftmals sogar ihren Job an den Nagel hängen, um sich ganz der Pflege widmen zu können.

Der verbreitete Einsatz von ausländischen 24-Std-Betreuungskräften sei nach Ansicht der Expertinnen oftmals problematisch, wenn diese statt für die Betreuung für Pflegetätigkeiten eingesetzt würden. Sie hätten dabei schon schlimme Fälle von unsachgemäßer Pflege mit z.B. Wundliegen erlebt. Die Diskrepanz von kleinlich wirkender Kontrollen von professionellen Pflegediensten einerseits und völlig fehlender Aufsicht für die Betreuungskräfte wurde heftig kritisiert.

Angesichts der demographischen Entwicklung wurde in der Diskussion die Sorge geäußert, dass es in Zukunft noch schwerer würde, eine menschenwürdige Pflege zu erhalten. Die Politik habe viele Probleme noch nicht oder unzureichend angegangen.

Wichtig sei die Aufwertung der Pflegeberufe als Bedingung für Nachwuchsgewinnung und die Verbesserung der Rahmenbedingungen, insbesondere der Entbürokratisierung. Vor allem aber meinte Dr. Kroiss abschließend: „Ohne Engagement der ganzen Gesellschaft und ohne ehrenamtliches Engagement wird es auf Dauer nicht gehen. Altenpflege darf nicht in einer Nische passieren. Alle müssen daran mitwirken, alte Menschen in die Gesellschaft zu integrieren.“


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